Bet(h)en – mit dem Löwen von Münster
Bischof Clemens August Graf von Galen am Wallfahrtsort der schmerzhaften Mutter Gottes
Der Mensch ist segensbedürftig. Er verlangt nach Schutz, Sinn, Glück und Erfüllung seines Lebens: Er verlangt nach Heil. So erhofft der Mensch Segen von Gott, der Quelle alles Guten. Mit dem Segen nimmt Gott die Gemeinschaft mit dem Menschen auf. Mit dem Gebet, mit dem Beten, nimmt der Mensch das Gespräch mit Gott auf, allein in der Stille oder in der Gemeinschaft der Heiligen und der Glaubenden, die sich gegenseitig mittragen.
So wie z. B. am 12. August 1934, als sich 25.000 Männer zu Fuß, auf Rädern, mit Autos und langen Sonderzügen auf den Weg nach Bethen machten, um dort mit ihrem Bischof zu beten und seinen Segen zu empfangen. In seiner Predigt ging Clemens August auf den Gegensatz zwischen der Ideologie des Nationalsozialismus und den Grundsätzen des christlichen Glaubens ein:
„Wir rufen: Hl. Maria, Mutter des Erlösers, bitte für uns. Damit bekennen wir unsern Glauben an Christus, den Erlöser. Danken wir der Gottesmutter, daß sie uns den Erlöser geschenkt hat. Als die Stammeltern wegen ihrer Schuld das Paradies verlassen mußten, da verlangte, da sehnte sich die Nachkommenschaft nach Erlösung. Wohl uns, daß wir im vollen Lichte des Evangeliums wandern. Wir sind glücklich, daß der Erlöser gekommen ist und uns Befreiung erwirkte, daß wir nicht verloren sind. Gegen diese Wahrheit geht eine Irrlehre durch unser Volk. Letztere sagt, daß das Sünden- und Schuldbewußtsein der nordischen Rasse fremd sei. Der Deutsche sei so rein und edel, daß er keiner Sühne und Buße bedürfe. Wenn wir auch an Schuld und Sünde glauben, so drückt uns das nicht nieder und macht uns nicht sklavisch und unfrei, sondern das Bewußtsein, daß wir durch Christi Tod frei geworden sind, daß wir Erlösung gefunden haben, das macht uns tapfer, kraftvoll, mutig und läßt das Schwere überwinden. Der Heiland, der Heliand unserer Vorfahren, der das Volk der Sachsen begeisterte, soll nicht erleben, daß die Männer und Frauen und Kinder des katholischen Münsterlandes, die Nachfahren des Sachsenvolkes, nicht den Weg der Nachfolge Christi gehen. Laßt uns danken Gott, dem Erlöser, und bekennen, daß wir erlösungsbedürftig sind. Laßt uns folgen in heldenmutiger Treue dem Herzog Jesu Christ. Laßt uns aushalten, wie die Mutter Gottes unter dem Kreuz. Möge uns unsere liebe Frau von Bethen bewahren, daß alle, die hier versammelt sind, ihre Familien, ihre Kinder, ihre Gemeinden treu bleiben, wie ihre Vorfahren, dem Heiland, ihrem gekreuzigten Sohn. Mögen alle sich immer wieder scharen um das Erlösungsopfer des neuen Bundes und bekennen den Glauben an den Schöpfer und Erlöser. Maria, schmerzhafte Mutter von Bethen, du hältst den entseelten Leib deines Sohnes auf dem Schoß. Hilf, daß auch alle Bewohner dieses Landes, alle Menschen unseres Vaterlandes lernen, den Heiland festzuhalten, ihn nicht zu lassen, an seinem Glauben festhalten ohne Wanken, an seiner Erlösungsgnade, an Gebet und Gnadenmittel. Liebe Mutter Gottes beschütze unsere Heimat, bewahre sie in dem katholischen Glauben und führe sie in die ewige Heimat.“
(zit. aus: H. Strickmann, K. Deux „Geschichte und große Ereignisse des Wallfahrtsortes Bethen“, Heimatkundliche Beiträge, Heft 2, 1982)
Bischof und Gläubige – miteinander erhoffen und empfangen sie am Ort Mariens Kraft, Hoffnung, Begeisterung, seelische und geistige Stärkung: Gnade.
Ein Blick zurück: Wer war Clemens August Graf von Galen und woher kam seine Verbindung zum Wallfahrtsort?
Clemens August von Galen wurde als das elfte von 13 Kindern der Eheleute Ferdinand Heribert Graf von Galen (1831–1906) und Elisabeth geb. Gräfin von Spee (1842–1920) auf Burg Dinklage am 16. März 1878 geboren und entstammte dem westfälischen Uradel. Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen (1606–1678) war sein Ur-Ur-Ur-Ur-Großonkel, der Mainzer Sozialbischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811–1877) sein Großonkel, die selige Maria Droste zu Vischering (1864–1899) seine Cousine. Die Erziehung im Elternhaus wird als streng beschrieben, ausgerichtet auf Glauben, Ordnung, Bescheidenheit und Fleiß. Der Vater war über drei Jahrzehnte Abgeordneter der Zentrumspartei im Reichstag und vor allem sozialpolitisch interessiert. Die tiefreligiösen Eltern pflegten einen unkomplizierten Umgang mit den Bediensteten und den Bewohnern von Dinklage, wo die Mutter sich sozial-karitativ engagierte.
Nach dem Abitur 1896 am Antonianum in Vechta und seinem Theologiestudium am Jesuiten-Konvikt in Innsbruck wurde er am 28. Mai 1904 in Münster zum Priester geweiht und war zunächst Sekretär seines Onkels, Weihbischof Maximilian Gereon von Galen. Ab 1906 war er im priesterlichen Dienst in Berlin tätig, 1919–1929 als Pfarrer von St. Matthias in Berlin-Schöneberg. 1929 wurde er Pfarrer an St. Lamberti in Münster und schließlich am 28. Oktober 1933 zum Bischof von Münster geweiht.
Bereits in seinem ersten Osterhirtenbrief am 26. März 1934 wandte er sich gemäß seinem Wahlspruch „Nec laudibus, nec timore – nicht Lob, nicht Furcht“ gegen die nationalsozialistische Rassenlehre und in den folgenden Jahren immer wieder gegen die Willkür des nationalsozialistischen Staates, wobei er ermutigt wurde durch die Unterstützung und Loyalität seiner Diözesanen, wie bei der Wallfahrt nach Bethen.
Auf dem Höhepunkt der nationalsozialistischen Machtentfaltung setzte er sein Leben aufs Spiel, als er zwischen dem 13. Juli und dem 3. August 1941 seine drei berühmt gewordenen Predigten in Münster hielt und mit unerwarteter Eindeutigkeit Anklage erhob gegen die Ermordung von Kranken und die Vertreibung von Ordensleuten. So sagte er am 3. August 1941:
„Wenn einmal zugegeben wird, dass Menschen das Recht haben, ‚unproduktive‘ Mitmenschen zu töten (…), dann ist grundsätzlich an allen unproduktiven Menschen, also an den unheilbar Kranken, den Invaliden der Arbeit und des Krieges, dann ist der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben. (…) Es ist nicht auszudenken, welche Verwilderung der Sitten, welch allgemeines Misstrauen bis in die Familien hineingetragen wird, wenn diese furchtbare Lehre geduldet, angenommen und befolgt wird.“
(zit. aus: „Predigten in dunkler Zeit“, Hrsg. Bischöfliches Generalvikariat Münster 2005)
Die Predigten von Galen, die ihm später den Namen „Löwe von Münster“ einbrachten, waren ein wichtiges Zeichen der Ermutigung für alle, die sich gegen die Willkürherrschaft der braunen Machthaber stellen wollten und machten ihn zu einer Symbolgestalt des anderen Deutschlands.
Viel Kraft für sein Amt schöpfte der Priester und Bischof von Galen aus der Verehrung Mariens, die er von seiner Mutter ins Herz gelegt bekommen hatte. In der gräflichen Familie betete man gemeinsam den Rosenkranz jeden Abend und ein von seiner Mutter eigenhändig geknüpfter Rosenkranz begleitete Clemens August durch sein ganzes Leben.
Die Wallfahrt zu Orten der Muttergottes gehörte ganz selbstverständlich zu seinem Leben. Bis zu seiner Priesterweihe ist er am häufigsten nach Bethen, dem Marienheiligtum seiner Heimat, gepilgert, wohin er auch nach seiner Ernennung zum Bischof Anfang September 1933 den Weg einschlägt, um den Schutz der Gottesmutter für sein neues Amt zu erflehen.
Während des Dritten Reiches hält er hier mehrfach inhaltsreiche Predigten und als Nationalsozialismus und Krieg überwunden sind, kommt er am ersten Oktobersonntag 1945 wieder nach Bethen, um an einer großen Wallfahrt teilzunehmen, welche die aus Krieg und Gefangenschaft heimgekehrten Männer veranstalten.
Die Marienverehrung des Bischofs Clemens August durchzieht sein ganzes Leben – die Mutter Jesu war seine Mutter. Er hat ihre Hilfe erfahren und sie hat ihn innerlich geformt.
